Was das Huangdi Neijing über eine jahreszeitgerechte Lebensführung lehrt
Yang Sheng (养生) – das „Nähren des Lebens“ – ist ein grundlegender Bestandteil der Chinesischen Medizin. Es umfasst die Art und Weise, wie wir mit unserem Körper, unserer Ernährung, unserem Schlaf, unserer Bewegung und unseren geistigen Kräften umgehen.
Eine wichtige Grundlage dafür findet sich im Huangdi Neijing (黄帝内经). Im zweiten Kapitel des Suwen, dem Si Qi Tiao Shen Da Lun (四气调神大论), wird beschrieben, wie der Mensch seine Lebensführung an die Veränderungen der vier Jahreszeiten anpassen kann.
Die vier Jahreszeiten folgen unterschiedlichen Bewegungen von Yin und Yang. Im Frühling beginnt sich Yang zu entfalten, im Sommer erreicht es seine Fülle, im Herbst beginnt die Sammlung und im Winter die Speicherung. Diese Bewegungen finden nicht nur in der Natur statt. Auch der Mensch steht in diesem rhythmischen Zusammenhang. Yang Sheng bedeutet deshalb, die jeweilige Qualität einer Jahreszeit wahrzunehmen und die eigene Lebensführung entsprechend auszurichten.
Frühling – Das Yang beginnt sich zu entfalten
Im Frühling beginnt das Yang wieder aufzusteigen. Die Natur erwacht, Pflanzen treiben aus und die Bewegung geht zunehmend nach aussen und oben. Das Huangdi Neijing beschreibt diese Zeit als Shengfa (生发) – das Hervorbringen und Entfalten. Entsprechend soll auch der Mensch diese Bewegung unterstützen: früher aufstehen, sich mehr bewegen und dem Körper Raum für Aktivität geben.
Auch die Ernährung kann dieser jahreszeitlichen Bewegung folgen. Leichte, frische und saisonale Lebensmittel sowie frisch zubereitete Speisen passen zur aufsteigenden Bewegung des Frühlings. In der klassischen chinesischen Medizin wird der Frühling mit der Wandlungsphase Holz und der Leber (Gan) verbunden. Ihre Funktion steht unter anderem mit dem freien Fluss des Qi und der Fähigkeit zur Bewegung und Anpassung in Beziehung.
Die Ernährung sollte dabei auf die eigene Konstitution und insbesondere auf die Funktion von Milz (Pi) und Magen (Wei) abgestimmt sein. Entscheidend ist nicht nur die Jahreszeit, sondern auch, wie gut der Körper Nahrung aufnimmt und verarbeitet.
Der Frühling steht für Aufbruch, Bewegung und Entfaltung.
Sommer – Wachstum und Fülle
Im Sommer erreicht die Yang-Bewegung ihren Höhepunkt. Die Natur steht in voller Blüte, die Tage sind lang und die äussere Aktivität nimmt zu. Das Huangdi Neijing beschreibt den Sommer als Zeit der Fanxiu (蕃秀) – des üppigen Wachstums und der vollen Entfaltung.
Auch der Mensch kann sich dieser Bewegung anschliessen: sich mehr im Freien bewegen, aktiv sein und den Körper in Bewegung halten. Gleichzeitig soll die Aktivität nicht dazu führen, die eigenen Kräfte zu erschöpfen. Der Sommer wird mit der Wandlungsphase Feuer und insbesondere mit dem Herz (Xin) verbunden. Das Herz wird in der chinesischen Medizin als Sitz des Shen betrachtet und steht damit auch in Beziehung zu Geist, Bewusstsein und emotionalem Erleben.
In der Ernährung darf sich die sommerliche Qualität ebenfalls zeigen. Frische, leichte und saisonale Lebensmittel können den Körper unterstützen. Gleichzeitig bleiben Milz (Pi) und Magen (Wei) für die Verarbeitung von Nahrung und Flüssigkeit von zentraler Bedeutung.
Der Sommer steht für Wachstum, Offenheit und Fülle.
Herbst – Sammlung und Rückkehr nach innen
Im Herbst verändert sich die Bewegung. Die Hitze des Sommers nimmt ab, die Tage werden kürzer und die Natur beginnt, sich zurückzuziehen. Das Huangdi Neijing beschreibt diese Phase mit Shou (收) – sammeln, zurücknehmen und bewahren.
Nach der starken äusseren Bewegung des Sommers beginnt nun eine allmähliche Rückkehr nach innen. Der Tagesrhythmus darf ruhiger werden, und der Körper erhält mehr Raum für Erholung und Regeneration.
Auch die Ernährung verändert sich entsprechend. Warme, gekochte und nährende Speisen gewinnen wieder an Bedeutung. Getreide, Wurzelgemüse, Kürbis, Suppen und andere saisonale Lebensmittel können den Übergang in die kältere Jahreszeit begleiten. In der klassischen chinesischen Medizin wird der Herbst mit der Wandlungsphase Metall und der Lunge (Fei) verbunden. Die Lunge regiert die Atmung und steht in enger Beziehung zum Wei Qi, das den Körper gegenüber äusseren Einflüssen schützt. Die herbstliche Bewegung des Sammelns und Zusammenziehens zeigt sich auch in der Funktion der Lunge und in der Wahrung der äusseren Grenze des Körpers.
Der Herbst steht für Sammlung, Ordnung und den Übergang nach innen.
Winter – Speichern, nähren und zur Ruhe kommen
Im Winter zieht sich die Natur weitgehend zurück. Wachstum und äussere Aktivität treten in den Hintergrund. Das Huangdi Neijing bezeichnet diese Phase als Cang (藏) – Speichern, Bewahren und Zurückhalten.
Im Winter soll der Mensch seine Kräfte bewahren und das Yang nicht unnötig nach aussen verausgaben. Ein ruhigerer Tagesrhythmus, ausreichend Schlaf und Schutz vor Kälte entsprechen dieser Jahreszeit.
Auch die Ernährung folgt dieser Bewegung. Warme, gekochte und nährende Speisen passen zur winterlichen Qualität. Suppen, Eintöpfe, Getreidegerichte und langsam gekochte Speisen können die Ernährung unterstützen. Eine kräftige Kraftbrühe ist dafür ein gutes Beispiel.
Der Winter wird mit der Wandlungsphase Wasser und der Niere (Shen) verbunden. In der TCM steht die Niere unter anderem mit der Speicherung des Jing und der Bewahrung der grundlegenden Lebenskräfte in Beziehung. Auch im Winter spielen Milz (Pi) und Magen (Wei) eine zentrale Rolle. Eine gute Verdauung bildet die Grundlage dafür, dass Nahrung in Qi und Blut umgewandelt werden kann.
Der Winter steht für Ruhe, Wärme, Ernährung und Bewahrung.
Ernährung im Jahreslauf
Die Ernährung ist ein wichtiger Bestandteil des Yang Sheng. In der Chinesischen Medizin werden Lebensmittel unter anderem nach Geschmack, Temperatur, Wirkung und ihrer Beziehung zu den Zang-Fu betrachtet.
Dabei verändert sich nicht nur die Jahreszeit, sondern auch der Mensch selbst. Konstitution, Alter, Verdauung, Lebensweise und aktuelle Beschwerden beeinflussen, welche Ernährung jeweils passend ist.
Die Jahreszeit gibt eine Richtung vor. Die individuelle Konstitution bestimmt, wie diese Richtung umgesetzt wird.
Im Frühling kann eine leichtere und frischere Ernährung die Entfaltung unterstützen. Im Sommer stehen frische und leichte Speisen im Vordergrund. Im Herbst nimmt die Bedeutung warmer und nährender Mahlzeiten zu. Im Winter geht es stärker um Wärme, Nährung und Bewahrung.
Der Jahreskreis als Ganzes
Die vier Jahreszeiten sind im Huangdi Neijing keine voneinander getrennten Empfehlungen. Sie bilden einen zusammenhängenden Prozess: Frühling bringt hervor. Sommer lässt wachsen. Herbst sammelt. Winter bewahrt.
Was im Frühling beginnt, entfaltet sich im Sommer, wird im Herbst gesammelt und im Winter bewahrt. Mit dem nächsten Frühling beginnt der Zyklus von Neuem.
Auch der Mensch durchläuft diese Bewegungen. Deshalb gehören Ernährung und Verdauung ebenso zum Yang Sheng wie Schlaf, Bewegung, Arbeit, Erholung und der Umgang mit den eigenen geistigen und emotionalen Kräften.
Yang Sheng ist individuell
Die klassischen Empfehlungen geben eine Richtung vor. Ihre konkrete Umsetzung richtet sich jedoch nach dem einzelnen Menschen.
In der TCM werden deshalb Konstitution, Zang-Fu-Funktionen, Qi und Blut, Yin und Yang sowie die individuellen Lebensumstände berücksichtigt.
Auch die Jahreszeit kann ein wichtiger Bestandteil dieser Betrachtung sein. Beschwerden können sich beispielsweise zu bestimmten Jahreszeiten verändern oder verstärken. Solche Zusammenhänge können Hinweise für die individuelle Diagnose und Behandlung geben.
Je nach individueller Situation können verschiedene Behandlungsmethoden eingesetzt werden, darunter Akupunktur, chinesische Arzneimitteltherapie, Moxibustion und Schröpfen. Ein besonderer Schwerpunkt meiner Arbeit ist die 9-Paläste-Akupunktur nach Dr. Feng Ning Han.
Im Frühling entfalten. Im Sommer wachsen. Im Herbst sammeln. Im Winter bewahren.
So wird Yang Sheng zu einer kontinuierlichen Form der Lebenspflege – im Rhythmus der Jahreszeiten und entsprechend den Bedürfnissen des einzelnen Menschen.
Quelle
Huangdi Neijing 黄帝内经 – Suwen 素问, Kapitel 2: 四气调神大论