Yin und Yang (陰陽) gehören zu den grundlegenden Begriffen der chinesischen Medizin und des klassischen chinesischen Denkens. Sie bezeichnen jedoch nicht zwei voneinander getrennte Kräfte oder Substanzen. Vielmehr beschreiben sie zwei aufeinander bezogene Aspekte eines fortwährenden Wandlungsprozesses.
Das klassische chinesische Denken fragt weniger danach, was etwas an sich ist, sondern danach, wie etwas in Beziehung zu anderem steht, in welche Richtung es sich bewegt und wie es sich verändert. Deshalb sind Yin und Yang immer relativ: Ruhe ist gegenüber Bewegung Yin, Innen gegenüber Außen Yin, Kühle gegenüber Wärme Yin. Doch dieselbe Erscheinung kann unter einem anderen Gesichtspunkt Yang sein.
Ein Yin, ein Yang – das ist Dao
Im Yijing (易經), dem Klassiker der Wandlung, heißt es:
一陰一陽之謂道
Yī yīn yī yáng zhī wèi dào.
Ein Yin, ein Yang – das nennt man Dao.
Yin und Yang sind keine statischen Gegensätze. Sie wechseln, ergänzen und verwandeln sich fortwährend. Wo Yang seinen Höhepunkt erreicht, beginnt die Bewegung zum Yin; wo Yin seinen Höhepunkt erreicht, beginnt die Bewegung zum Yang.
Auch Laozi beschreibt diese Beziehung im Daodejing:
萬物負陰而抱陽,沖氣以為和。
Wàn wù fù yīn ér bào yáng, chōng qì yǐ wéi hé.
Die zehntausend Dinge tragen Yin und umfassen Yang; durch das vermittelnde Qi entsteht Harmonie.
Harmonie bedeutet dabei nicht eine statische Gleichverteilung. Es geht um eine lebendige, angemessene Beziehung und Wandlung.
Yin und Yang wandeln sich ineinander
Im Huangdi Neijing ist beschrieben:
陰靜陽躁,陽生陰長,陽殺陰藏。陽化氣,陰成形。
Yīn jìng yáng zào, yáng shēng yīn zhǎng, yáng shā yīn cáng. Yáng huà qì, yīn chéng xíng.
Yin ist still, Yang ist bewegt. Yang bringt hervor, Yin lässt wachsen. Yang führt zum Absterben, Yin bewahrt und birgt. Yang wandelt sich als Qi, Yin bildet Gestalt.
Und:
寒極生熱,熱極生寒。
Hán jí shēng rè, rè jí shēng hán.
Wenn die Kälte ihr Äußerstes erreicht, entsteht Wärme; wenn die Wärme ihr Äußerstes erreicht, entsteht Kälte.
Damit wird deutlich: Yin und Yang sind keine festen Eigenschaften. Sie verändern sich und gehen ineinander über.
Yin und Yang in der chinesischen Medizin
Im Huangdi Neijing steht:
陰陽者,天地之道也,萬物之綱紀,變化之父母,生殺之本始。
Yīn yáng zhě, tiān dì zhī dào yě, wàn wù zhī gāng jì, biàn huà zhī fù mǔ, shēng shā zhī běn shǐ.
Yin und Yang sind das Dao von Himmel und Erde, die ordnende Struktur der zehntausend Dinge, die Grundlage der Wandlung sowie Ursprung von Entstehen und Vergehen.
Darum geht es in der chinesischen Medizin nicht nur darum, einzelne Symptome zu benennen. Entscheidend ist, die zugrunde liegende Dynamik zu erkennen: Was ist innen oder außen? Was steigt oder sinkt? Was bewegt sich oder sammelt sich? Was ist zu kalt, zu warm, zu aktiv oder zu ruhig?
Gesundheit bedeutet deshalb nicht einfach „50 % Yin und 50 % Yang“. Ein lebender Organismus befindet sich ständig in Bewegung. Gesundheit bedeutet vielmehr, dass Yin und Yang sich gegenseitig hervorbringen, begrenzen, unterstützen und wandeln können.
Yin und Yang als eine Weise des Sehens
Yin und Yang sind weniger zwei Dinge als eine Methode, Beziehungen und Veränderungen zu verstehen. Sie helfen uns zu erkennen, was im Vordergrund oder Hintergrund steht, was zunimmt oder abnimmt, was sich öffnet oder schließt, was entsteht oder vergeht.
So betrachtet beschreiben Yin und Yang nicht zwei getrennte Welten. Sie beschreiben die Beziehung, Bewegung und Wandlung innerhalb einer gemeinsamen Wirklichkeit.
一陰一陽之謂道
Yī yīn yī yáng zhī wèi dào.
Ein Yin, ein Yang – das ist Dao.
Quellen
Daodejing (道德經), Kapitel 42
Yijing (易經), Xici Zhuan (繫辭傳)
Huangdi Neijing – Suwen (黃帝內經・素問), insbesondere Yin-Yang Ying-Xiang Da Lun (陰陽應象大論)
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